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Google investiert in WordPress – Entsteht hier ein Gegengewicht zu Automattic?

Google macht ja schon länger in WordPress. Angefangen von Webinaren, Videoanleitungen und Tutorials über AMP und bezahlte Entwickler, die WordPress-Code beitragen.

Google hat also sowieso im WordPress-Universum einen Fuß in der Tür.

Jetzt geht man anscheinend einen Schritt weiter, was für die Zukunft einige Umbrüche bringen könnte.

Google sucht WordPress-Entwickler

Alberto Medinas Blogpost mit dem Aufruf an WP-Entwickler

 

Google sucht also nach WordPress-Entwicklern, die sich an folgende Themen ranmachen sollen:

  • Projekt Gutenberg vorantreiben, damit die Usability besser wird (Dringend notwendig)
  • Themes erstellen, die moderne Webtechnologien verwenden
  • Mitarbeit am AMP-Plugin (ich persönliche halte wenig von AMP!)
  • Mitarbeit am TIDE-Plugin (Plugin zur Bewertung der Codequalität von Plugins uvm)
  • Google Sitekit Plugin um  AdSense-, Analytics-,  PageSpeed- und Suchkonsolen-Daten gebündelt im WordPress Dashboard anzeigen zu können.

 

Diesem Aufruf sind schon mehrere bekannte Namen aus dem WordPress-Universum gefolgt, der bekannteste dürfte derzeit Weston Ruter sein, der in seinem Blogpost seine Beweggründe erklärt:

 

Gerücht am Rande: Laut Informierten, bezahlt Google in der Schweiz ein Einstiegsgehalt von 170.000 Franken – gerüchteweise ohne Garantie auf Richtigkeit.

Hintergründe: Mitbestimmung beim wichtigsten CMS?

Google meint es also ernst.

Warum überhaupt?

WordPress ist die Unterlage von ca 30% der Webseiten überhaupt. Es wäre von Google fahrlässig, hier irgendwelchen Playern das Feld allein zu überlassen ohne ein Mitspracherecht zu haben.

Die Strategie erinnert ein wenig an Microsoft – und das erste Bild in diesem Blogpost hat eine umwerfende Ähnlichkeit zu diesem Sujet:

Microsoft liebt Linux? Und Google jetzt WordPress? Zufall?

Microsoft weiß um die Dominanz von Linux in der Serverumgebung.

Google weiß um die Dominanz von WordPress im CMS-Umfeld.

Beide wissen, dass sie sich aktiv an der Entwicklung dieser Open Source Projekte kümmern müssen, um mitbestimmen zu können.

Das Problem bei Open-Source-Projekten aus der Sicht von Unternehmen ist halt, dass da meist Individualisten, Querköpfe und Spinner am Werk sind. Programmierer eben.

Und Programmierer sind meist schlechte Führungspersönlichkeiten.

Daher sind Ziele oft verwässert oder Entwicklungen gehen in falsche Richtungen oder Zersplittern sich uvm.

WordPress ist da ein bissl anders gelagert:

Besondere Situation von Automattic in der open source Welt

WordPress ist zwar open source, also kann von jedem verwendet und verändert werden.

Aber hinter WordPress steht eine erfolgreiche Firma, die eigentlich über alle Aspekte von WordPress bestimmen kann.

Angefangen vom Namen und Logo. Beides gehören Automattic bzw einer Stiftung rund um den Gründer von Automattic, Matt Mullenweg.

Matt gibt auch die Schlagrichtung vor. Also wohin sich WordPress als Projekt bewegen soll. Welche Ziele in den nächsten Releases, also den nächsten Versionen, verfolgt werden sollen.

Das hat alles sein Gutes. Automattic bezahlt eine Menge an Entwicklern, die am WP-Sourcecode weiterschreiben. Den Core also weiterentwickeln, verbessern und aktuell halten.

Gemäßigter Diktator als Warnsignal für Google?

Das ist ein großer Vorteil gegenüber anderen Open Source Projekten, die keinen potenten Geldgeber im Hintergrund haben.

Ohne Matt und Automattic gäbe es WordPress in der Form nicht. Da steckt sehr viel „privates“ Geld in einem quelloffenen CMS.  Das eigentlich von Nerds und Spinnern programmiert wird. Gerade open source Communitys haben selten eine Führungsperson.

Bei WordPress ist das anders, da gibt halt ein „gemäßigter Diktator“ den Ton an.

Liste bekannter gemäßigter Diktatoren (BDFL) auf Wikipedia

Und Diktatoren sind halt das, was sie sind: Machtmenschen, die oft irgendwann den Bezug zur Realität verlieren.

Wäre ich Entscheider bei Google, würde mich sowas hellhörig machen.

 

Realitätsverlust? Gutenberg-Drama? Betriebsblindheit? Wird Matt wunderlich?

 

WordPress ist gerade im Umschwung.

Mit Gutenberg kommt ein neuer Editor, der von der Idee her wirklich Gutes bringen wird.

Derzeit ist Gutenberg aber für Ottonormalverbraucher quasi unbenutzbar.

Die einfachsten Dinge sind nicht offensichtlich zu lösen.

Zb das Einfügen von Bildern in einen Text ist eine grenzwertige Erfahrung. Das hab ich von Anfang an kritisiert und auch den Core-Entwicklern mitgeteilt. Geändert hat man seitdem nix.

Zudem funktionieren responsive Images mit scrset noch nicht so, wie man das vom alten Editor gewöhnt ist. Problem? JA! Das kann sich schlecht auf das Google Ranking und die Benutzererfahrung auswirken. Warum? Weil Bilder nicht optimal sondern in zu großer Auflösung geladen werden.. Siehe: https://github.com/WordPress/gutenberg/issues/6177

Das Bilder-Einfügen ist also seit Anbeginn ein ungelöstes Problem und wird auch nicht Behoben, da von den Entwicklern und von Matt als „kein Problem“ angesehen werden.

Und da beginnen die Probleme. Die Offenheit der Core-Entwickler, die ja zu einem guten Teil Automattic-Mitarbeiter sind, ist nicht gegeben.
Im Gegenteil: Man fühlt sich sogar angegriffen, wenn man konstruktive Vorschläge und Kritik vorbringt.

 

Rund um das Thema hat sich eine Posse entwickelt, die derzeitig problematische Situation und das Spannungsfeld Automattic <-> Matt <-> WP-Entwickler verdeutlicht:

Link zum Tweet von John Blackbourn https://mobile.twitter.com/johnbillion/status/1058536248950833153

John Blackbourn ist ein wohlverdienter WordPress-Core-Entwickler und schmeißt jetzt das Handtuch, weil er merkt, was alle im Moment merken:

Wer konstruktive Kritik übt wird als Gegner von Gutenberg diffamiert..

Dazu kommt, dass Matt dem User die Schuld an der teilweisen Unbedienbarkeit von Gutenberg gibt:

Schuld ist immer der USER! Oh boy… Tweet von Matt: https://mobile.twitter.com/photomatt/status/1058497572111675393

Terminänderungen

Gutenberg und die Version 5.0 von WordPress hätten am 19. November veröffentlicht werden sollen.

Da war Gutenberg nicht fertig – daher gab es sehr viele Stimmen dagegen.

Und Moment. 19. November? Da war doch was! Ach ja, Thanksgiving-, Cybermonday- und BlackFriday-Woche. Die umsatzstärkste Woche im amerikanischen E-Commerce.

Was war das doch für ein grandioser Terminvorschlag….

Neuer Veröffentlichungstermin?

26. November.

Dieser Termin wird auch nicht halten.

Daher wird Dezember vorgeschlagen. Was natürlich keine gute Idee ist, kurz vor der Weihnachtszeit.

Also wird’s 2019 werden.

Das hört sich nicht nach stringentem Projektmanagement an…

Zudem fragen sich viele (Core-) Entwickler, wer denn das nun alles beschlossen hat.

WordPress wird von einer Open Source Community entwickelt. Diese ganzen Änderungen kommen aber nicht von der Community. Wer hat da also wohl das sagen und warum?

Ablenkungsmanöver

Im Moment dürfte Matt unter Stress stehen. Manche seiner Antworten sind daher ein bisserl wunderlich.

So gibt es Stimmen, dass es zu viele offene Issues für den Release Candidate von WordPress gibt. Wie antworten trotzige Kinder? Genau:

Aber xyz hat doch das Selbe gemacht, ällabätsch!

 

So könnte man diese Antwort auffassen:

Matt Mullenweg im WordPress-Core-Blog: https://make.wordpress.org/core/2018/11/19/5-0-gutenberg-status-update-nov-19/#comment-34455

Viele haben Angst vor einer Veröffentlichung einer neuen Major-Version im Dezember. Eh schon wissen: Weihnachten und Weihnachtszeit bei uns und noch mehr in den Staaten. Die obligatorische Matt-Antwort im Core-Slack-Channel:

Slack Nachricht von Matt: https://wordpress.slack.com/archives/C02RQBWTW/p1542837346944900

 

Und dann gäbe es noch diesen unrühmlichen Tweet, den ich hier mehr oder weniger unkommentiert stehen lassen möchte:

Stay classy, Matt! https://mobile.twitter.com/photomatt/status/1062475366462308355

Weitere Meinungen zu Matt, Gutenberg und Leadership

Der Kollege wirft ein paar interessante Fragen rund um die Rolle von Matt und den Release von Gutenberg auf. Er spricht darauf an, dass WordPress eigentlich kein Automattic-Produkt sondern ein Community-Produkt ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Benevolent_Dictator_for_Life

 

Conclusio

Im Moment ist viel los im WordPress-Universum.

Es stehen gravierende Änderungen an, die zukünftige User verstören oder verzücken könnten.

Dennoch herrscht ein bissl Chaos.

Durch die aktuellen Schritte, die Google im WordPress-Universum unternimmt, kommt es mir so vor, als wollte Google einen stabilisierenden Faktor reinbringen. Natürlich geht es da aber auch um Mitbestimmung.

Derweilen nur schleichend und nicht offensichtlich.

Ich bin gespannt, ob ich mit dieser Theorie auch nur annähernd richtig liege.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es nur logisch.

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